Lange Tage # 34 # Ende

Utopie

Ich seh ein Land mit neuen Bäumen

Ich seh ein Haus aus grünem Strauch

Und einen Fluss mit flinken Fischen

Und einen Himmel aus Hortensien seh ich auch

 

Ich seh ein Licht von Unschuld weiß

Und einen Berg der unberührt

Im Tal des Friedens geht ein junger Schäfer

Der alle Tiere in die Freiheit führt

 

Ich hör ein Herz das tapfer schlägt

In einem Menschen den es noch nicht gibt

Doch dessen Ankunft mich schon jetzt bewegt

Weil er erscheint und seine Feinde liebt

 

Das ist die Zeit die ich nicht mehr erlebe

Das ist die Welt die nicht von unserer Welt

Sie ist aus feinstgesponnenem Gewebe

Und Freunde glaubt und seht: sie hält

 

Das ist das Land nach dem ich mich so sehne

Das mir durch Kopf und Körper schwimmt

Mein Sterbenswort und meine Lebenskantilene

Daß jeder jeden in die Arme nimmt.

 

Hanns Dieter Hüsch, *1925 in Moers  -  †2005 in Werfen

Der Neue Conrady, Das große deutsche Gedichtbuch von den Anfängen bis zur Gegenwart, herausgegeben von Karl Otto Conrady, Düsseldorf 2000, S. 975