Lange Tage # 9

Zeitgemäße Morgenandacht

Noch vor dem Frühstück, dem Traum kaum entronnen,
Überfliege ich, mit gesenkten Schwingen,
Das Wesentliche im Morgenblatt.

Mindestens eine Flugzeugentführung,
Diverse Versuche mit todsicheren Strahlen.
Aufruhr. Erpressung. Und Inflation.

Was steht uns wohl noch in den Sternen geschrieben?
Ganz zu schweigen von der so gescheiten Statistik …

Die apokalyptischen Reiter auf ihrem Klepper.
In ca. zehn Jahren: Welthungersnot.
Zu viele Leute. Und zu wenig Menschen.

Luft- und Seelenverschmutzung.
Die Pest in Asien, verfrachtet im Flugzeug
Mit munterer Musikbegleitung,
Flott auf dem Weg zu dir.

Dürre und Flut und Mangel
An Süß- und Sauerstoff.
Die Fischer krepieren am Wasser,
Die Menschen am Fisch.

Nachbar, verkauf deine Aktien
Und bau deinen Bunker
Mit Fernsehkiste
Und Krematorium.

Augen haben sie und sehen nicht.
Im Winde klappert die Sense.

Am hoffnungsgrünen Tisch der Nationen
Prosten die Narren sich zu mit Whisky und Wodka.
Die Nichtmitmacher schweigen.

Weh mir! Ich kann das Weltgeschehen
Nicht ändern
Und die Geschicke
Nicht abwenden.

Ich werde die Zeitung abbestellen.

Mascha Kaleko, *1907 in Chrzanów , †1975 in Zürich
In: Mascha Kaléko, In meinen Träumen läutet es Sturm;
München 2018 (36. Auflage) S. 113 f.